Magazin | Ausgabe Nr. 2

Schwindelerregende Boden-Höhe

Marco Tempera spricht ruhig, mit einem leicht gedämpften, zurückhaltenden Tonfall, und wirkt gelassen. Er ist keiner von diesen dauergestressten Agenturmenschen, die immer „on the run“ sind und auf diesem „run“ nur noch das Buzzword-Marketing-Deutsch beherrschen, das für Außenstehende schwer zu decodieren ist. Nein, so ein Typ ist Marco Tempera nicht. Vielleicht auch, weil in dem Geschäftsführer der Agentur Team Pera der gelernte Schreiner steckt und weniger Agentur-Narzissmus. Ein Schaffer. „Ich komme eigentlich aus dem Handwerk.“, sagt Marco Tempera.

Dabei könnte er mit gutem Gewissen die Profilierungstrommel etwas lauter schlagen. Würde man ihm gar nicht verübeln. Erstens hat seine noch junge Agentur, von ihm im Jahr 2009 gegründet, in der zurückliegenden Dekade schon etliche aufwendige Produktionen gestemmt, die, zweitens, oftmals mit ungeheurem Stress ganz unterschiedlicher Art verbunden sind.

„Wir machen Feel-good-Management“, bringt er seinen Beruf auf den Punkt. Sein Arbeitsethos lautet: Er kann es sich überhaupt nicht leisten, gestresst zu sein. „Wenn du das Projekt nicht im Griff hast, merkt das der Kunde und wird nervös.“

Team Pera bezeichnet sich als „Agentur für Markenerlebnisse“. Die Kunden, die sich Markenerlebnisse bei Team Pera wünschen, stammen überwiegend aus dem Premium-Luxus-Segment. Unter den Referenzen 

tauchen wohlklingende Namen auf, wie z. B. Hugo Boss, Montblanc, Tiffany & Co., AMG, A. Lange & Söhne oder Breuninger.

Für das Kooperationsevent „VOGUE loves Breuninger“ mit dem Modemagazin VOGUE, das bereits zweimal im Breuninger Flagship-Store in Stuttgart stattfand, hat Team Pera verschiedene Laufstege in schwindelerregender Höhe geplant und gebaut. Die Event-Besucher und das internationale Fashion-Internet spendeten massig Applaus und Likes.

Die Kulisse tat ihr Übriges, denn der Breuninger Lichthof in der Karlspassage mit seiner signifikanten Glaskuppel, ein 360 °-Lifestyle-Hotspot für Flaneure, Genießer und Fashion-Liebhaber, ist ein perfekter Spot für eine Laufsteginszenierung. Beim ersten Event im Jahr 2016 schmiegte sich der Catwalk im ersten Stock an die Rondell-Form des Karlspassagen-Baus an und bei der Fortsetzung im Jahr 2017 spannte man den Laufsteg wie eine Brücke quer durch den Zylinderbau auf.

Die Laufstegbrücke wirkte im direkten Vergleich zur runden Bahn zwar wesentlich sensationeller, das Rondell zu bauen war aber das wesentlich schwierigere Projekt, erklärt Tempera. Bei einem Rundbau müssen alle Teile extra angepasst werden, bei der Brücke konnten Standardelemente aus dem Bühnenbau verwendet werden. „Gerade bauen ist immer einfacher als rund. Das war extrem aufwendig.“

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Aufgebaut wurde abends und nachts, nachdem das Fashion- und Lifestyle-Unternehmen geschlossen hat. Morgens standen schon Statiker und Leute vom Baurechtsamt zur Abnahme parat. „Sicherheit geht vor.“ Das gilt natürlich gerade für die Models, die mehrere Male am Tag verschiedene Kollektionen präsentierten. Beim Briefing wurden sie gefragt, ob sie Höhenangst hätten. „Das geht natürlich nicht, wenn da jemand Panik bekommt und nicht mehr weiterlaufen will.“

Beim Laufstegboden versucht man, wenn möglich, dem Model den Gang zu erleichtern und verlegt rutschfeste Böden. „Prinzipiell wird bei dem Laufstegboden schon an das Model gedacht, aber manchmal müssen die einfach auch die Zähne zusammenbeißen“, stellt Tempera klar. Zunächst muss der Kontrast zwischen Boden und Model stimmen. „Das ist immer etwas schwierig.“ Ein zu heller Boden z. B. reflektiert das Blitzlicht der Fotografen zu stark. „Wir hatten schon Felle als Laufsteg verlegt, das war so schlecht fürs Licht, dass wir alle wieder wegreißen mussten.“

Wichtig bei einem Laufsteg ist der Untergrund. Wenn man auf einem weichen Untergrund noch Teppich verlegt, kann es passieren, dass die Models mit ihren Pfennigabsätzen durch den Teppich schießen, ins Schwanken kommen und im schlimmsten Fall stürzen. Deswegen braucht man eine starke Untergrundfläche. Bei den „VOGUE loves Breuninger“-Events bildeten Siebdruckplatten das Fundament.

Bei den Breuninger Hochstegen sorgten Striplights am Boden für zusätzliche Effekte und rückten das Model für den Betrachter aus den Stockwerken darüber noch mehr in den Fokus.

Zusätzlich wurde passend zum Thema Glamour noch ganz feiner Glitzer ausgestreut, „da versuchen wir uns schon am Thema zu orientieren“.

Dank zahlreichen Kunden aus dem Fashion-Bereich hat Team Pera im Laufstegbau einige Erfahrungen. Solche spektakulären Catwalks wie in dem Stuttgarter Departmentstore sind trotzdem selten. Zudem macht sich in der Branche ein neuer Trend breit, berichtet Tempera. „Mittlerweile geht es weg von der Erhöhung. Meistens laufen die Models nur noch auf dem Boden.“ Die Marken setzen bei ihren Shows mehr auf eine komplette Rauminszenierung als auf die klassische Steg-Erhöhung. So rückt die Mode noch näher an das Publikum in der berühmten „Front Row“.

Besser im Gedächtnis bleiben aber sicherlich derartige individuelle Laufstege wie im Breuninger in Stuttgart, zumal sie eine größere Herausforderung darstellen – genauso wie es Tempera liebt. „Es gibt immer eine Lösung“, 

meint der Pragmatiker, falls es mal kompliziert werden sollte. Und egal wie die Lösung aussieht, sein Anspruch ist es immer, höchste Qualität abzuliefern.

Team Pera arbeitet überwiegend sehr veranstaltungsbezogen, „vom Konzept bis zur Ausführung und Nachbearbeitung“. Nebenbei hat sich das Portfolio der Agentur nach und nach erweitert, erklärt der Geschäftsführer. Man produziere z. B. viele Bewegtbilder, betont er, und lässt einen „emotionalisierenden“ Clip für AMG ablaufen. In der siebenköpfigen Belegschaft, die in Stuttgart-Süd residiert, befinden sich u.a. ein Ingenieur, ein Projektleiter und ein Mitarbeiter, der ursprünglich Erzieher war. Und der Chef selbst beschreibt seine Rolle folgendermaßen: „Ich bin eher der, der was baut.“

„Eventbauen“ hat viel mit Logistik zu tun. Dabei tritt Team Pera wie ein Generalunternehmer auf, bei dem alle Fäden zusammenlaufen. Und das sind oft ziemlich viele Fäden. „Welche Lieferanten brauche ich? Wann benötige ich was? Wie sieht es rechtlich aus? Was gibt es für Regeln?“ Zum Beispiel, erzählt er, darf ein ausländischer LKW nicht in die Innenstadt von Florenz einfahren.

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MARCO TEMPERA kreiert mit seiner Agentur Team Pera Markenerlebnisse für Kunden aus dem Premium-Luxus-Segment.
Damit aus Mode ein Erlebnis wird, mussten er und sein Team schon öfter atemberaubende Laufstege entwerfen. Der Boden ist hierbei ein zentrales Element für eine perfekte Show.
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Wie ist es eigentlich,
über einen Catwalk zu laufen?

VIACOR: Macht man sich als Model Gedanken über den Boden?

Jannina Lasch: Ja, als Model mache ich mir vor allem vor einer großen Show Gedanken über den Boden. Insbesondere wenn ich hohe Schuhe tragen muss, ist es natürlich doppelt wichtig, den Boden davor einmal zu testen, damit bei der Show dann alles glattläuft.

V: Gab es schon Jobs, bei denen du dir gedacht hast: Oh Gott, da muss ich jetzt drüberlaufen?

JL: Ja! Manche Böden sind sehr glatt – aber es geht auch schlimmer. In der Schweiz hatte ich vor wenigen Jahre eine Show, bei der wir im Innenhof der Firma laufen mussten. Das Problem war, dass er mit Schotter ausgelegt war und wir mit unseren Absätzen darin versunken sind. Das war definitiv eine Herausforderung!

V: Auf welcher Art von Boden läuft man als Model am besten? Und auf welchem am schlechtesten?

JL: Ich denke, das ist ziemlich individuell. Mir sind Böden, die leicht nachgeben, am liebsten. Am schwierigsten finde ich sehr glatte Holzböden. Ich denke aber, das empfindet wohl jedes Model anders. ganz neu einordnen. Das fand ich extrem spannend und bereichernd.

V: Wie war es für dich auf dem Breuninger Catwalk in luftiger Höhe? 

JL: Als mich meine Agentur an-rief und die erste Frage war, ob ich Höhenangst hätte, war ich ziemlich überrascht. Und als ich dann den Laufsteg vor Ort gesehen habe, wurde mir dann doch kurz mulmig. Während der Show war man aber so konzentriert, dass es keine Rolle gespielt hat. Und wir wussten ja, dass es für alle sicher ist.

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